Aus
der Chronik des Vereins
80 Jahre Vereinsleben
ist ein Grund zur Freude. Sie findet
ihren Ausdruck in den Jubiläumsfeierlichkeiten.
80 Jahre Vereinsleben ist aber auch
ein Anlaß, sich der Vereinsgeschichte
zu erinnern die gegenwärtige Situation
zu bedenken und die Zukunft zu planen.
Vor 80 Jahren, am 10. November 1920,
wurde der MGV Waldruh Waldesch gegründet.
Es war die Zeit kurz nach dem ersten
Weltkrieg. Viele junge Männer und
Familienväter mußten in den
Krieg und nicht alle sind wieder heimgekommen.
Die Heimgekehrten waren enttäuscht
von den hohlen Versprechungen der Volksführer.
Sie trauerten über den Tod ihrer
Kameraden und Freunde und über
allem die bohrende Frage, wofür
und für wen? Aus diesem Gefühl
der Enttäuschung und Leere besann
man sich die Werte der Dorfgemeinschaft,
der Gemeinschaft, die trägt und
nicht fallen läßt. So wurde
aus Zusammenkünften und Gesprächen
junger Burschen die sich öfters
in der Gastwirtschaft Cron trafen, die
Idee geboren, sich in einem Gesangverein
zusammenzuschließen. In Freud
und Leid zum Lied bereit sollte der
Wahlspruch für den Verein werden.
Hier klingt noch die bittere Erfahrung
des Krieges; aber auch die Perspektive
für die Zukunft wird deutlich.
Über die Gründungsversammlung
und spätere Versammlungen bis hin
zum Jahre 1924 wurden keine schriftlichen
Aufzeichnungen gemacht. Die eigentliche
Gründungsgeschichte geht auf die
mündliche Überlieferung des
Jakob Siebenborn zurück (niedergeschrieben
im Jahre 1959). Er erzählte: Der
Schulbäcker Cron hatte neben der
Kirche eine neue Gastwirtschaft eröffnet.
Schon bald trafen sich hier am Sonntag
nach der Kirche und auch an Wochentagen
die jungen Burschen und auch ältere
Männer. Die Älteren erzählten
von Ihren Erlebnissen, von Dorfgeschichte
und Geschichten. Die Jüngeren dachten
mehr an die Zukunft und schmiedeten
Zukunftspläne. Der Schulbäcker
Cron konnte zu allem etwas beitragen.
Mit den Alten sprach er über die
jüngste Vergangenheit des Krieges
und die Politik der Gegenwart. Den Jüngeren
konnte er erzählen und Mut machen
für die Zukunft. Etwas konnte er,
das alle zusammenbrachte, er konnte
auf der Zither spielen und singen. Das
tat er und begeisterte damit alle zum
Mitsingen. In diesem fröhlichen
Stunden wurde die Idee geboren, das
einfache Singen zum Gesang zu kultivieren
und die freie Runde in einem Gesangverein
zu organisieren. Die Idee wurde ins
Dorf getragen und besprochen. Viele
Bürger fanden die Idee sehr gut
und versprachen mitzumachen oder den
zukünftigen Verein zu unterstützen.
So wurde im August 1920 eine Versammlung
in das Gasthaus Cron einberufen. Zu
dieser Versammlung hatte man den im
Vereinsleben kundigen Peter Hörter
eingeladen. Es wurden die Detailfragen
der Vereinsgründung, Statuten und
auch Finanzfragen besprochen. Nach mehreren
Diskussionsabenden wurde von folgenden
25 Männern der MGV Waldruh gegründet:
Hörter Peter, Dott Johann, Hammes
Johann, Maurer Peter I, Roos Johann,
Breidbach Johann, Geis Matthias, Cron
Peter, Cron Wilhelm, Hammes Martin,
Schneider Jakob, Siebenborn Jakob, Necknig
Nikolaus, Necknig Anton, Maurer Franz,
Seifert Johann, Schneider Peter, Schauren
Johann, Könen Josef, Maurer Peter
II, Necknig Josef, Maurer Philipp, Roos
Anton, Link Nikolaus.
In einer folgenden Versammlung wurde
der erste Vereinsvorstand gewählt.
Ihm gehörten an:
1. Vorsitzender - Peter Hörter
1. Schriftführer - Peter
Maurer I
2. Schriftführer - Johann
Roos
1. Kassierer - Johann Dott
2. Kassierer - Johann Hammes
Die erste schriftliche Vereinssatzung
(Statuten) ist vom 2. März 1924.
Darin heißt es: Zweck des Vereins
ist:
1. Pflege des vierstimmigen
Gesanges
2. Pflege der Geselligkeit durch Veranstaltung
geeigneter Festlichkeiten
Mitglied des Vereins kann derjenige
werden, der einen unbescholtenen und
ehrenhaften Lebenswandel, und das
18. Lebensjahr vollendet hat. Die
Aufnahme geschieht durch Abstimmung
und es entscheidet Stimmenmehrheit.
Der Verein teilt sich in 2 Gruppen:
1. Aktive oder singende Abteilung
2. Inaktive oder nicht singende Abteilung
genannt.
Der ersten Gruppe kann nur derjenige
beitreten, der stimmbegabt ist, und
sich vorher durch den Dirigenten einer
Prüfung unterzogen hat. Zur zweiten
Gruppe gehört derjenige, dessen
Stimme vom Dirigenten für unbrauchbar
befunden wird oder durch gewisse Gründe
die Singstunden nicht besuchen kann.
Die weiteren Paragraphen regeln das
Verhalten bei den Proben, Aufgabe
der Generalversammlung, Wahl des Vorstandes,
Ernennung von Ehrenmitgliedern, Bußgelder
bei Fehlverhalten. Deutlich werden
die Tugenden der damaligen Zeit festgeschrieben:
Disziplin, Pünktlichkeit, Gehorsam
, ehrenhafter Lebenswandel. Ein hartes
Beispiel dazu: Wenn ein Mitglied während
den Vereinsfestlichkeiten betrunken
ist, so wird es sofort (unterstrichen)
aus dem Verein ausgeschlossen. Für
diejenigen, die im Krieg waren, waren
diese Pflichten leicht zu erfüllen.
Auch für die anderen waren diese
Pflichten eine Selbstverständlichkeit;
es war der Geist der damaligen Zeit.
Nachdem ein Vorstand gewählt
war, und die Statuten gegeben waren,
konnte man an die eigentliche Arbeit
gehen, nämlich Gesangproben halten.
Dabei gab es schon das erste Problem.
Ein auswärtiger Chorleiter war
für den jungen Verein zu kostspielig.
Man einigte sich hierin, daß
man mit dieser Aufgabe den ortsansässigen
Organisten Wilhelm Laux betrauen sollte.
Nach Rücksprache erklärte
sich Herr Laux bereit, den gesanglichen
Aufbau des Vereins zu übernehmen.
Geprobt wurde damals wöchentlich
zweimal im Vereinslokal Cron. Um die
finanzielle Schwierigkeit für
den Verein zu mildern und an Notenmaterial
zu kommen, beschloß man, jedem
Mitglied ein Ständchen zum Namenstag
zu singen. Dafür mußte
das betreffende Mitglied ein Chorwerk
stiften und zum Umtrunk eine Flasche
Schnaps spendieren. In der Folgezeit
wurde fleißig geprobt und der
Gesang machte den Sängern und
Zuhörern Freude.
1925 fand das 1. Sängerfest
mit Fahnenweihe statt. Am 09.12.1934
trat der MGV „Waldruh“
dem Deutschen Sängerbund bei.
Neben der Pflege des Gesangs hatte
sich der Verein in der Zielsetzung
die Pflege der Geselligkeit vorgenommen.
Wie die Chronik berichtet, gehörte
zum Vereinsvorstand auch immer eine
Theaterkommission. Wie die Chronik
weiter berichtet, wurde jedes Jahr
ein Theaterstück aufgeführt,
das großen Anklang fand. Manche
Stücke mußten sogar öfter
wiederholt werden.
Auf Beschluß des Vorstandes
vom 20. Februar 1940 ruhte der Verein,
weil ein Großteil der Sänger
im Krieg war. So wie im ersten Weltkrieg,
kehrten viele nicht mehr in die Heimat
zurück.
Folgende Sänger sind im Krieg
gefallen oder sind an den Kriegsleiden
(KL) verstorben:
- Roos Josef
- Klein Franz
- Klein Bruno
- Etzkorn Alfred
- Hammes Anton
- Jannsen Johann
- Rosenbach Johann
- Schmalz Franz
- Maurer Peter (KL)
- Hammes Peter (KL)
- Hammes Johann
- Breidbach Josef
- Christ Jakob
- Link Wilhelm
- Schneider Edmund
Nach dem Kriege war man in der gleichen
Situation, wie in den Gründerjahren.
Wie damals, begann man mit dem Leitgedanken
in Freud und Leid zum Lied bereit
den Wiederaufbau des Vereins. Am 16.
November 1948 traf man sich zur ersten
Gesangprobe unter Leitung von Lehrer
Gorges. Wenige Jahre später übernahm
Herr Gilberg wieder die Chorleitung
bis zum Jahre 1957. Wie in den ersten
Jahren des Bestehens, so ist der MGV
auch jetzt aktiv in das Gemeindeleben
eingebunden. Bei vielen Sängerfesten
und Freundschafts-singen der näheren
Umgebung reiht sich der Chor ein in
die große Schar der Sänger.
Ein großes Konzert veranstaltete
der MGV mit der Folkloregruppe ad
libitum aus Ochtendung am 23.11.1986,
dessen Reinerlös der Kinderkrebsstation
der Universität Mainz zur Verfügung
gestellt wurde. Mitteilenswert aus
der Chronik ist eine Zeitungsnotiz
vom 17. Februar 1968. Darin wird Wilhelm
Pohle mit 98 Jahren als ältester
aktiver Sänger der Bundesrepublik
vorgestellt. Opa Pohle, wie er liebevoll
genannt wurde, blieb bis zu seinem
Tode am 19. Oktober 1969 aktiv dem
MGV „Waldruh“ verbunden.
Der Verein hat in seinen 80 Jahren
Höhen und Tiefen erlebt. Einige
Male, so berichtet die Chronik, hieß
die Alternative bei der Jahreshauptversammlung:
Auflösung des Vereins. Aber immer
haben sich Männer gefunden, welche
die Gründeridee weitertrugen
und mit Leben füllten. Auch die
jetzige Situation des MGV ist nicht
ohne Probleme. Der Chor ist, wie viele
andere Männerchöre, überaltert.
Das Durchschnittsalter liegt bei 62
Jahren. Der jüngste Sänger
ist 43 Jahre und der älteste
79 Jahre. Es stellt sich also die
Frage, hat die Gründeridee noch
tragende Kraft für die Menschen
unserer Zeit. Die Frage läßt
sich übertragen, welche Ideen
und welche Wahrheiten, die wir übernommen
haben, bleiben und geben unserem Leben
Sinn?
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